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Weihnachten in Südchina

Südchina, Anfang Dezember, morgens um halb neun.
Ich schlürfe noch etwas verschlafen in den Aufzug meines Hochhauses und während ich mich noch nach vorne beuge, um den Knopf für das Erdgeschoss zu drücken, trete ich in etwas Weiches. Nun bin ich es inzwischen gewöhnt, morgens in die Reste der Fastfoodlieferungen des Vortages zu steigen oder hin und wieder auch über einzelne abgetragene Schuhe zu stolpern, die keiner zu vermissen scheint. Doch diesmal staune ich nicht schlecht, stehe ich doch auf einer roten Plüschweihnachtsmütze mit Goldglöcklein. Nanu, sollte ich etwa doch nicht der einzige Ausländer im Gebäude sein?
Im Konsumtempel um die Ecke kann ich mit meinem Einkaufswagen gerade noch einem plötzlich hinter einer Ecke auftauchenden, den halben Gang versperrenden, etwa hüfthohen illuminierten Plastikrentier ausweichen, schramme dafür aber am Sonderständer „X-MAS CHOCOLADE“ entlang, so dass einige Premium-Metalldosen scheppernd zu Boden fallen. Eine der stets allgegenwärtigen Kundenbetreuerinnen macht mir gestenreich klar, ich solle weitergehen, sie räume die Produkte wieder an ihren Platz.
Ich will schon dankbar lächelnd meinen Einkauf fortsetzen, da drehe ich mich noch einmal um: Hat sie gerade wirklich eine Weihnachtsmütze getragen? Ja, hat sie, und alle anderen Mitarbeiter des Marktes tun es ebenso. Auch die grimmig dreinblickende ältere Dame an der Kasse, deren Gesichtsausdruck so gar nicht zu ihrer leuchtend roten Mütze und dem „Silent Night, Holy Night!“ im Hintergrund passen will.
Vor dem benachbarten Postbüro stehen nicht weniger als drei Plastiktannen, deren dünne Zweige mit allerhand verschiedenfarbigem Lametta und im Takt blinkenden Leuchtketten behängt sind.
Ich flüchte in die Uni-Mensa, normalerweise ein Hort der Funktionalität, sicher vor jeder Art von Schmuck, Verzierung oder auch nur einem Hauch Gemütlichkeit. Doch ich muss schaudernd zwei überdimensionale, an der Wand prangende Pappglocken zur Kenntnis nehmen, von denen eine etwa zur Hälfte meiner Mahlzeit mit einem Knall wieder zu Boden fällt.
Weihnachten in China blinkt, leuchtet, knallt, schmeckt und spült Geld in die Kassen. Aber feiern tut es hier eigentlich niemand.

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