Was macht der Freiwillige am Wochenende (chin.: Zhoumò): Party, tanzen, Rausch ausschlafen?
Oder eben Überstunden sammeln!
Letzteres habe ich gemacht, einmal am Stand des DAAD bei der China Education Expo und außerdem bei der Ausstellung Deutschland für Anfänger des Goethe Instituts. Davor gibts aber einen kleinen Einblick in die verrückte chinesische Bildungsrealität.
Zum Bildungssystem
Es gibt in China etwa 23 Mio. Studierende, von denen jedes Jahr etwa 4 Mio. einen Abschluss erwerben und in den Arbeitsmarkt drängen. Die Anzahl der Absolventen steigt momentan um etwa 20% pro Jahr, die Zahl der hochqualifizierten Arbeitsangebote sinkt gleichzeitig um etwa 22%. [1]
Klar, dass sich daher eine gewisse Panik sowohl unter den Financiers (also den Eltern) als auch den Studierenden breit macht. Man versucht, alles in eine exzellente Ausbildung zu investieren und schon früh das Kind mit vermeintlich wichtigem Wissen vollzustopfen. Die Zeitungen sind voll mit Anzeigen von Nurseries und Schools (alle haben sie englische Namen und orientieren sich am ach so nachahmungswürdigen amerikanischen Curriculum), die vorgeben, die Kinder von früh auf mit pervertiertem Leistungsfetischismus vollzustopfen zu fördern und auf die Gaokao vorzubereiten.
Die Gaokao ist die zentrale chinesische Reifeprüfung, die vollkommen über die weitere akademische Karriere entscheiden kann: Entweder man erreicht eine ausreichende Punktzahl und damit die Möglichkeit, an einer der angesehenen Universitäten zu studieren, oder [den Rest kann man eigentlich vergessen]. Die Durchfallquote beträgt ~50%. [2]
Je nach Provinz müssen die Schüler schon vor der Prüfung eine Liste der Studientfächer und Universitäten abgeben, an denen sie studieren möchten (vergleichbar mit der ZVS). Die Wahl treffen fast immer die Eltern.
Diese Liste wird von oben nach unten abgearbeitet und ein Studienplatz zugewiesen. So kommt es, dass manch ein Student, der eigentlich Statistik studieren wollte, nun in Germanistik sitzt (die Quote solcher Studenten ist gerade in diesem Fach hier subjektiv recht hoch!). Die Gaokao ist nur einen begrenzten Zeitraum gültig, so dass Sperenzchen wie Freiwilligendienst hier nicht möglich sind. (Einen mit Deutschland vergleichbaren verpflichtenden Militärdienst gibt es nicht.)
Wer es nun also auf eine renommierte Hochschule geschafft hat (Der Studienstandort ist fast wichtiger als das Studienfach) versucht sich von seinen Mitstreitern abzuheben, und wer einmal in China war weiß, dass hier aus allem ein Geschäftsmodell entwickelt wird. Es hat sich also eine stattliche Zahl zwielichtiger Agenturen herausgebildet, die Unterstützung bei der Sonderqualifizierung anbieten – gegen entsprechende Bezahlung versteht sich!
Angeboten werden Beratung und Informationsbörsen ebenso wie Hilfe bei den Formalia der Studienplatzbeantragung im Ausland und eines Platzes in einem Studentenwohnheim. Alles Dinge, die man sich auch selber besorgen kann, aber was nichts kostet, taugt ja bekanntermaßen nichts. Der DAAD sticht hier heraus, weil er selbstverwaltet, nicht profitorientiert und kostenlos berät (um ein wenig Eigenwerbung einzustreuen
).
Nun gibt es aber auch unter den Gastländern einen Wettbewerb, die fähigsten Studierenden für ein Auslandsstudium anzulocken. In Amerika und Großbritannien ist das Interesse vor allem finanzieller Natur, da dort durch die Studiengebühren ausländischer Studierender mächtig Geld gemacht wird. In Deutschland liegt das Augenmerk nicht darauf, möglichst viele Ausländer ins Land zu holen, sondern die besten. (Das jedenfalls ist die offizielle Zielsetzung…)
[1] Zeit Campus: Realitätsschock. Zukunftsangst unter chinesischen Studenten
[2] Tagesschau: Abitur in China: Ein Land in heller Aufregung / Arte: Chinas Kinder unter Druck
China Education Expo Guangzhou
Damit sich die Studenten informieren können gibt es viele Messen, u.a. eben die China Education Expo, auf der sich die Uni Jena, die School of Finance Frankfurt, die Akademische Prüfstelle und der DAAD einen Stand geteilt haben (zum Vergleich: Großbritannien hatte fast zwei komplette Gänge).
Das Publikum war bunt gemischt: Es waren erstaunlich viele Eltern von Kindern da, die noch die Mittelschule besuchten, um bereits die Karrierechancen ihres Nachwuchses auszuloten. Aber auch die Älteren waren fast immer von ihren Eltern begleitet: Von Selbstständigkeit oder Eigenverantwortung in der Karriereplanung keine Spur.
Mehrmals ereignete sich das gleiche Ritual: Die Eltern kamen auf mich zu (weil meine chin. Kollegen bereits im Gespräch waren). Ich deutete an, dass ich sie nur auf Englisch beraten könne. Sie schieben stolz grinsend ihren Nachwuchs nach vorne, der dann tatsächlich in unsericherem Englisch ein paar Worte mit mit wechselte, bis dann endlich einer meiner Kollegen frei geworden ist und von den aufgeregten Eltern bestürmt wurde.
Ausstellung Deutschland für Anfänger
Das Goethe Institut tourt mit einer Wanderausstellung [1] durch die Welt, die anhand von 26 interaktiven Buchstaben Deutschland erklären will. Von A wie Arbeit, über G wie Gemütlichkeit, O wie Ordnung bis Z wie Zukunft werden alle Klischees abgearbeitet, aber auch kritisch hinterleuchtet und erklärt. Alle Stationen waren ins Chinesische übersetzt worden, außer dem Artikel über Sexualität am Stand Jugend – oh du prüdes China…
Die Ausstellung machte auch eine Woche in einer Bibliothek in Guangzhou Station und der DAAD war mit einem Informationsstand über Studium in Deutschland mitvertreten.
Das Publikum sprach zwar kaum Englisch, doch trotzdem wurde sich großflächig an unseren Informationsmaterialien bedient: kostet ja nix und es sind vorne schöne Bilder drauf. Ich kam mir vor wie im Ramschladen!
Nachmittags haben dann Germanistikstudenten von den Erfahrungen berichtet, die sie während ihres Auslandsjahres in Köln gemacht haben.
[1] Goethe-Institut: Website der Ausstellung Deutschland für Anfänger








